Helene Fischer Show 2018 - Die kann echt alles!

 

Atemlos ab der ersten Sekunde

 

Wer vom schlechten Gewissen noch nicht genug geplagt war, die Weihnachtsfeiertage bis auf rumliegen und vollstopfen nichts Produktives vollbracht zu haben, der stellte sich am Christtag der ultimativen Konfrontation mit dem inneren Schweinehund: Alleskönnerin Helene Fischer. Als wäre es das letzte Helene-Fischer-Konzert aller Zeiten, fieberte das Düsseldorfer Publikum dem Schlager-Showdown der Superlative entgegen – brach in Tränen aus, wenn die Fischer von anderen „Stars“ mit Lobeshymnen gepriesen wurde, schunkelte liebestrunken zu rhythmischen Blümchen-Beats, die vor wenigen Jahren höchstens bei Bad-Taste-Parties salonfähig waren, und gab sich zarte Küsschen, wenn die vielbesungene Liebe auf die Menge ungehemmt überschwappte. Für alle diejenigen, die aber nur Opfer der guten Tat waren und mehr oder weniger freiwillig die Fischer-Audienz aufsuchten, die wussten spätestens beim ersten Act „Atemlos“, wie der Hase läuft. Blöd nur, wenn sie bis dahin beim einmaligen Mitsingen oder euphorischen Applaudieren vom Radar der Bildregie geortet und großflächig eingefangen worden waren und von nun an bis in alle Ewigkeit als eingefleischte Helenatoren in die Fernsehgeschichte eingehen.

 

Ein Sixpack auf zwei Beinen

 

Wer an Helene Fischers Einzigartigkeit zweifelt, wird schnell eines Besseren belehrt, denn Schlager-Schnulzen singen allein ist längst nicht alles, was die Helene kann. Die Frau kann einfach alles – übrigens auch das mehrmalige Fazit meines Freundes, der notgedrungen bei nur einem Fernsehgerät pro Haushalt mitschauen musste. Sie kann moderieren (praktisch, um Ex-Gspusi Silbereisen noch ein paar weitere seiner Kernkompetenzen streitig zu machen), tanzen, Stand-Up-Comedy, Akrobatik,  und schließlich: Sit-Ups. Und wie diese Frau Sit-Ups beherrscht – war doch so gut wie jedes ihrer Bühnenoutfits bauchfrei. Man hätte ihr auch den Schädel rasieren können – es wäre mir nicht aufgefallen. So sehr war ich auf diesen Traum von Waschbrettbauch fixiert. Erst nach geschlagenen eineinhalb (!!!) Stunden, endlich Erleichterung. Das erste Kleidungsstück, mit Stofffragmenten in der Körpermitte. Da gönn‘ ich mir doch gleich einen Griff in die Chipstüte, bis plötzlich ein weiteres Körperteil meine Aufmerksamkeit erregt: Wow, hat die aber tolle Beine! Dann doch lieber Bier statt Riffle Chips – schön saufen hat doch immer schon funktioniert und wenn’s bei einem selbst ist.

 

Alles, was du kannst, das kann ich viel besser!

 

Wie vielseitig Helene Fischer ist, fällt einem nicht zuletzt bei der eindrucksvollen Bühnenshow auf. So nehmen plötzlich zwei höchstgefährliche Raptoren das Bühnengeschehen ein. Da hilft nur Helene auf einem Trapez, um die Ungeheuer in die Flucht zu schlagen. Oder aber auch als Helene die weltweit gefeierte Akrobatengruppe „Zurcaroh“ ankündigt, mit den Worten, so eine talentierte Truppe noch nie zuvor gesehen zu haben. Dennoch: Von Ehrfurcht keine Spur, als sie es sich wenige Sekunden später nicht nehmen lässt, in der ersten Reihe mitzutanzen. Schon ein Wahnsinn – da übst du ein Leben lang, gewinnst fast eine der größten Unterhaltungsshows der Welt und dann kommt eine ehrgeizige Halbrussin und zeigt dir, dass sie das innerhalb eines motivierten Nachmittags mindestens genauso gut kann. Nicht gerade förderlich fürs das Ego.

 

Weil auch die Helene weiß, dass sie sich im Grunde von nichts und niemandem mehr etwas abschauen kann, verzichtet sie diesmal sogar bei ihrem Musical-Act darauf, einen Musical-Cast einzuladen. Wozu auch? Gibt ja genügend Solopartien, die die Helene auch ganz ohne Unterstützung singen kann und als Statisten tun es die hauseigenen Tänzer auch.

 

DSDS-Gewinner Luca Hänni, der als nächster Stargast mit Helene in den „Battle“-Ring treten darf, denkt sich: Was die Helene kann, kann ich schon lange (solange ein Playback verlässlich im Hintergrund läuft) und präsentiert sich prompt als leidenschaftlicher Contemporary-Tänzer. Als sich Helene dann aber doch mitsamt Bauchmuskeln ins Bild drängt und ebenfalls – oh Wunder – plausible Contemporary-Skills unter Beweis stellt, fühlt sich Luca gezwungen, sich seines T-Shirts zu entledigen, um nicht nächstes Jahr dasselbe Schicksal der Austauschbarkeit wie die Musicaldarsteller zu erleiden.

 

Guten Tag, ich bins, Ihr Börserl!

 

Dass auch die Helene mit einem streng limitierten S-Budget haushalten muss, wird mir spätestens beim Auftritt der „Die immer lacht“-Künstlerin bewusst – wobei erste Sparflamme-Anzeichen schon bei der ausrangierten Michelle zu erkennen waren. Maite Kelly kann man immerhin mit prominenter Verwandtschaft argumentieren, genauso wie dieses 13-jährige noch nicht einmal pubertierende Schauspielerkind, das altersgerecht mit Helene die Liebesballade „All of me“ zum Besten gibt. Spätestens bei „Love your curves and all your edges“ hat aber selbst das sonst so kritische Publikum vergessen, dass die Situation bei gegebenem Altersunterschied mehr als unpassend ist und auch nicht als Liebesbekundung zwischen Mutter und Sohn abgetan werden kann.

 

Helene, die Aktivistin

 

Während zwar beim Jugendschutzgesetz mehr als nur vier Augen zugedrückt werden, versteht Helene bei Fremdenfeindlichkeit keinen Spaß. „Wir brechen das Schweigen“ gelobt sie gemeinsam mit ihren Fans und stellt damit selbst Liedermacher Konstantin Wecker mit ihrem plötzlichen Anfall von Rebellion in den Schatten. Aber damit nicht genug: Auch an die gehörlose Community wird gedacht. Der „HandsUp“-Gebärdenchor wurde extra eingeladen, um gemeinsam mit Helene zu musizieren. Eine wunderbare Idee, würde man Gebärden nicht sehen müssen, um sie zu verstehen. Denn wenn es um wertvolle Sekunden Kamerapräsenz geht, macht Helene keine Abstriche. Also bleibt die Bildregie beinhart auf dem schönen Schlagerstar haften, während der Chor im Hintergrund gebärden kann, bis der Arzt kommt.

 

Ähnlich wie bei einem gewissen Volksrock’n’roller hört es sich aber auch bei der Helene bei Homo- und Heterofragen mit der Weltoffenheit auf. So wird Conchita Wurst bei der Hymne „Heast as net“ an der Seite von Austro-Musikerin Ina Regen prompt von Helene höchstpersönlich ersetzt.  Andererseits können wir bei einem solch hohen Jodel-Liedanteil von Glück reden, dass nicht auch noch Heidi Klum die Bühne stürmte, um einmal mehr ihr Jodel-Talent unter Beweis zu stellen. Dann hätte man aber auch den 13-jährigen YouTuber unter Quarantäne stellen müssen, um volle Sicherheit zu gewährleisten. Da hilft auch kein Ring am Finger.

 

The Greatest Showgirl

 

Während mich allmählich nach über zwei Stunden die Faszination verlässt, hat auch mein Freund bis auf das zehnte Mal „Die kann echt alles!“ nichts zu vermelden. Einmal wagt er noch ein Gedankenexperiment, wie es wohl wäre, wenn statt Helene Altbundespräsident Heinz Fischer durch die Gegend sausen würde mitsamt wehenden Augenbrauen, aber dann bleibt auch bei ihm nur noch die Reizüberflutung. Selbst Helene, die eigentlich alles lieber wäre, als Schlagersängerin, sauft sich die Show mit ein, zwei Drinks erträglich. Kurz vor dem Finale verrät sie noch, dass sie der Hollywoodstreifen „The Greatest Showman“ emotional sehr berührt hat – ist ja auch entsetzlich zu erfahren, dass jemand ein noch größerer Showmaster sein soll als man selbst. Wobei sie sich das von Ex-Lover Silbereisen in den letzten zehn Jahren allemal hätte abschauen können. Passend dazu stimmt Helene das Lied „Never enough“ an und macht uns bewusst: Doch, manchmal ist es genug. Zumindest für die nächsten 365 (hoffentlich) helenefreien Tage.

 

Kommentare: 0